Ein Aufzug ist kein Ort der Kommunikation. Er ist ein Ort der Vermeidung.
Man nickt. Man schweigt. Man starrt auf Etagenanzeigen, die seit Jahren nicht mehr funktionieren, und hofft, dass niemand mehr einsteigt. Besonders nicht im Ärztehaus mitten in der Düsseldorfer Innenstadt. Denn dort ist unser Aufzug schon mit zwei Personen voll. Emotional wie physisch.
Antikommunikation auf engstem Raum
Wenn wir uns begegnen, dann grüßen wir uns höchstens mit einem Kopfnicken. Meist blicken wir wie Hans-guck-in-die-Luft aneinander vorbei: auf das Bedientableau, das Spiegelbild (besser nicht morgens) oder auf irgendetwas, das nicht der andere Mensch ist.
Der Aufzug ist der letzte Ort, an dem man Small Talk möchte. Und der erste, an dem er trotzdem droht.

Baujahr 1956 – Technik mit Persönlichkeit
Unser Aufzug ist Baujahr 1956. Das merkt man. Nicht an der Patina, sondern an seinem Charakter. Er hat Gedächtnislücken. Er zeigt keine Stockwerke mehr an. Er entscheidet selbst, wann er losfährt. Und manchmal auch wohin.
Wenn sich skrupellose Menschen zusätzlich hineindrängen, fühlen wir uns wie eine Big Band in einer Speisekammer. Nicht nur unangenehm, sondern auch riskant. Denn man weiß nie, ob der Lift heute noch Lust hat.

Enthusiast
Fahrstuhl-Mikado
Manchmal schließt sich die Tür – und nichts passiert. Dann geht sie wieder auf. Zwei, drei, manchmal fünf Köpfe spielen innerlich Mikado. Wer bewegt sich zuerst? Wer opfert sich und steigt aus?
Erstaunlicherweise funktioniert das. Sobald jemand den Mut hat zu gehen, fährt der Aufzug los. Als hätte er nur auf dieses Opfer gewartet.
Schikanen mit System
Später begann der Lift, unsere Etagenwünsche komplett zu ignorieren. Die Tür schloss sich, wir fuhren in den sechsten Stock – wo niemand hinwollte – und direkt wieder zurück. Ohne Halt. Ohne Anzeige.
Ob wir tatsächlich im Erdgeschoss ankamen, blieb Vermutung. Vertrauen ist bei diesem Aufzug keine Option.

Der trügerische Notruf
Der Notrufknopf wirkte tröstlich. Bis ich bei Wikipedia las, dass Aufzüge vor 1999 zwar Alarm schlagen, aber niemand kommt. Man kann also klingeln. Und warten. Und sich in Ruhe mit seinen Mitgefangenen bekannt machen.
Wo sind die Liftboys, wenn man sie braucht?
Früher gab es Liftboys. Menschen mit Autorität. Menschen, die Ordnung schufen.
In der Literatur waren sie Schlüsselfiguren: bei Joseph Roth, bei Thomas Mann, bei Erich Kästner. Sie bewegten Menschen, Schicksale und manchmal auch Geld. Heute bewegt uns nur noch die Technik – und nicht einmal das zuverlässig.
Die Hölle, das sind die anderen
Wie Taxifahrer sind Liftboys heimliche Philosophen. Umgeben von Gerüchen, klammen Mänteln und verschwitzten T-Shirts entsteht eine Intimität, die niemand wollte. Sartres Geschlossene Gesellschaft wäre ohne Fahrstühle nie denkbar gewesen.
Bequemlichkeit ist eine starke Triebfeder. Gebrechlichkeit eine noch stärkere.

Treppen, Schemel und Schokoriegel
Seit einiger Zeit nehmen wir die Treppe. Auf jeder Etage stehen Schemel für die Gestrandeten, auf den Stufen liegen die leeren Plastikhüllen diverser Schokoriegel.
Der TÜV hatte kein Mitleid. Der neue Motor ging bei der Abnahme in die Binsen. Also stapfen wir weiter tapfer an dem Aufzug vorbei – nicht ohne ihm zuzurufen:
„See you later, Elevator.“
After a while, crocodile. Schon klar.



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