Ascenseur der Platzangst
Nicht, dass wir viel miteinander reden. Wenn wir uns grüßen, dann höchstens mit einem Kopfnicken. Meist starren wir wie Hans-Guck-In-Die-Luft an unserem Gegenüber vorbei, auf den Etagenanzeiger, der selten funktioniert, oder auf das sogenannte Bedientableau, an dem wir das gewünschte Stockwerk eingeben können. Manchmal führt auch uns der Blick in den Spiegel, obwohl es morgens … besser nicht, wenn man noch etwas vom Tag haben will.
Ort der Antikommunikation
Überhaupt, das war und ist einer der wenigen Augenblicke, wo ich mich über gefüllten Aufzug freue, wenn ich nicht in den Spiegel schauen muss. Und unser Aufzug ist schon mit zwei Personen im Grunde vollbesetzt. Voll mit einem meist lädierten Publikum, die wie ich in dem Ärztehaus, mitten in der Düsseldorfer Innenstadt, zu eine bestimmte Fachrichtung wie Orthopädie, Rheumatologie oder Neurologie zu medizinischem Zwecke frequentieren. Also alles Sachen, die weh tun können.

Baujahr `56: Technik mit Tücken
Wenn wir zu zweit in Aufzug stehen, kann es passieren, dass sich skrupellose Menschen sich so mir nichts, dir nichts zusätzlich in den Aufzug zwängen. Das wird von uns anderen stillschweigend nicht begrüßt. Nicht nur, dass wir dann das Gefühl haben, mit einer Big Band in einer Speisekammer zu stehen. Sondern auch, weil der Aufzug, Baujahr 1956, mittlerweile demente Tücken aufweist. Dement, weil er schon vor geraumer Zeit vergaß, die Stockwerke anzuzeigen. Gut, er war alt und der Mensch gewöhnt sich an alles, wenn man ihm nur Zeit lässt.

Enthusiast
Otis Elevator, Ludwig XV, Archimedes und Co
Und Aufzüge gab es nicht erst, seit 1853 die Otis Elevator Company den modernen Fahrstuhl entwickelte, sondern bereits seit Archimedes (236 v Chr.), dessen Erfindung mit Seilen und Rollen betrieben wurde. Die Gladiatoren mussten mit ihrer Rüstung auch nicht die Treppen des römischen Kolosseums hochstapfen, sondern wurden per Lastenaufzug in die Arena gezaubert, wilde Tiere inklusive. Die Tiger von Siegfried und Roy in ihrer Las Vegas Show vermutlich auch. Ludwig XV ließ so seine Geliebte in sein Schlafzimmer befördern.

Demente Fahrstuhlgedächtnislücken
Doch mit der Zeit ließ er sich immer mehr gehen. Es fing damit an, dass er sich nur langsam in Trab setzte, wie die Batterie eines alten Gebrauchtwagens an einem Wintermorgen. Wir Passagiere hielten kurz den Atem an und seufzten erleichtert, wenn er sich dann doch in Gäng kam. Manchmal tat sich aber erst einmal gar nichts. Die Tür stand trotz mehrfachen Drückens einfach offen wie ein stiller Vorwurf, weil wir zu faul waren, die vier Stockwerke zum Orthopäden zu erklimmen.

Fahrstuhl-Mikado spielen
Manchmal ging die Tür auch zu, ohne irgendeine Aktion, dann ging sie wieder auf. Zwei, bisweilen auch 5 Köpfe spielten innerlich Mikado, starrten zur Tür hinaus und überlegten, wer als Erster zu zucken wagte und aus der Kabine trat. Vielleicht beruhigt ihn das ja, wenn sich einer erbarmte, so dachten wir Übriggebliebenen. Und in der Tat schlossen sich die Türen und der Lift tuckerte nach oben.

Der Fahrstuhl schikaniert uns
Doch weitere Schikanen blieben nicht aus. Nach einiger Zeit ignorierte der Fahrstuhl gekonnt unsere Etagenwünsche. Neben dem üblichen Problem (Tür offenlassen und nicht losfahren, ruckelnde Bewegungen und überhaupt zu sonderbar), schloss sich jetzt einfach die Tür und wir fuhren stehenden Fußes nach oben in den sechsten Stock, wo kein Schwein hinwollte. Dann, ohne die Tür zu öffnen, fuhren wir wieder ins Erdgeschoß. Da die die Etagenanzeige wie üblich nicht funktionierte, blieb es bei einer reinen Vermutung, ob es tatsächlich das Erdgeschoß war.

Der Notruf vor 1999 funktioniert nicht als solcher
Der Blick auf den Notrufknopf tröstete mich. Dass schnelle Hilfe nahen würde. Bis ich einen Blick auf Wikipedia tat und las, dass Aufzüge, die vor 1999 erbaut wurden, zwar die Alarmklingel auslöst, aber niemand kommt, um uns zu befreien.

Gustav mit der Hupe als Security Supervisor
Es wäre nicht das erste Mal gewesen, wo ich mir einen Liftboy gewünscht hätte. So eine Art Platzanweiser in Funktion eines Security Supervisors. Auch Gustav mit der Hupe wie in Erich Kästners »Emil und die Detektive« wäre mir in dem Fall recht gewesen. Der charmante Anfüher mit der Berliner Schnauze aus dem Bezirk Wilmersdorf fungiert in Käppi und Livree als Undercover Agent im Hotel Kreid, um einen Dieb zu beobachten. Ich hätte nicht zum ersten Mal gerne einen Aufzugswart.

Schmelztiegel schicksalhafter Mysterien
Auch im »Hotel Savoy« von Joseph Roth spielt der Aufzugswart eine entscheidende Rolle. Die Gäste plus Personal bilden einen Mikrokosmos, der zugleich einen Schmelztiegel der Mysterien bildet. In dem Fall leiht Liftboy Ignatz den Gästen, die im oberen Stockwerk wohnen Geld, weil sie ihre Miete nicht mehr bezahlen können. Im Gegenzug verpfänden sie ihre Koffer an ihn. An anderer Stelle ist der Liftboy Gegenstand erotischer Erörterungen. In Thomas Manns Roman »Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull« avanciert sich der Protagonist im Pariser Grand Hotel nicht nur zum Aufzugswart, sondern zum Liebhaber reicher Frauen.

Der Liftboy ist die Allmacht des Fahrstuhls
Die Fahrstühle mit Sitzpolster und uniformiertem Personal gehören längst der Vergangenheit an. Die Liftboys im Pariser Eiffelturm oder im Empire State Building New York sind noch da. Im Grunde ist die Tätigkeit mehr als ein Job. Obwohl man für die Mehrzahl der Gäste im Grunde nur die Funktion eines Kleiderständers innehat, setzt der Boy die Menschen in Bewegung. Von oben nach unten und umgekehrt; er ist die oberste Autorität und lässt die Gäste im Glauben, er alleine habe die Allmacht über die Technik (schön wäre es).

Die Hölle ist die Bequemlichkeit
Gleichzeitig steckt im Liftboy ähnlich wie im Taxifahrer ein kleiner Philosoph, ohne dass er je ein Buch geschrieben hätte. Tagaus, tagein umgeben von Gerüchen, Gerede, klammen Mäntel oder verschwitzten T-Shirts, die sich in dem käfigartigen Gelass gut entfalten, schaffen eine besondere Form der unbeabsichtigten Intimität. Unbeabsichtigt deshalb, weil niemand, mit wem er die Enge teilen möchte. Wäre da nicht die verdammte Bequemlichkeit bzw. Gebrechlichkeit, die Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ erst möglich machen.

Gestrandet auf den Treppenstufen mit Schokoriegel
Zurück zu dem Fahrstuhl im Ärztehaus. Seit einiger Zeit schwingen wir Patienten uns die Treppenstufen hinauf. Auf jeder Etage stehen Schemel für die nach Luft schnappenden Gestrandeten und auf den Stufen befinden sich die Plastikhüllen diverser Schokoriegel. Wir hofften auf ein Wunder über Nacht, aber der TÜV machte uns keine Hoffnung. Bei dessen Abnahme ging der neue Motor in die Binsen und muss ausgetauscht werden. So stapfen wir weiter tapfer an dem Aufzug vorbei Richtung Treppe, nicht ohne ihm zu zurufen „See you later Elevator“. After a while, crocodile. Schon klar.

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