Wie Beuys Düsseldorf auf den Kopf stellte (und eine Studentin vor der Akademie verhungerte)

Der Mensch stolpert ja bekanntlich über Kleinigkeiten. Beim Recherchieren über Ike und Tina Turner stieß ich im Düsseldorfer Stadtarchiv über den »Düsseldorfer Jong« Joseph Beuys. Eigentlich ein Krefelder, aber das scheinen wir Düsseldorfer im Zuge seiner Berühmtheit vergessen zu haben.  

Die hungernde Studentin vor der Akademie

Jedenfalls blies mir beim Zeitungsartikel lesen der Wind des Novembers 1972 in seiner Skurrilität ins Gesicht, wo Hungerstreiks und Besetzungen sowieso arg im Trend waren. In dem Skandal um den charismatischen Künstler und Professor der Düsseldorfer Kunstakademie fand ich eine kaum beachtete Notiz über eine gewisse Bert Annulat, die sich zum Hungern vor die mit Trauerflor umkleidete Kunstakademie begeben hatte.

Auf einem Gartenstuhl sitzend erklärte Annulat der »Rheinischen Post», um was es ihr NICHT gehe. Keinesfalls will sie jemanden damit erpressen, sondern halt ein Zeichen setzen. Wozu? Menschen zum Nachdenken anregen. Aha. Was war passiert?

Joseph Beuys 1973, ©Rainer Rappmann

Was bisher geschah: Der Beuys-Skandal nimmt Fahrt auf

Drei Wochen zuvor hatte Beuys mit seinen Getreuen das Sekretariat der Kunstakademie besetzt, mit dem Ziel, solange in diesem »Kartoffelkeller« aus zu harren, bis die Nichtzulassung vom Tisch sei.[1] Die Nichtzulassung bezog sich auf diejenigen Studenten, die wegen begrenzter Studienplätze abgewiesen worden waren. Das war etwas, was Beuys überhaupt nicht verstand. Seiner Meinung nach war jeder Mensch ein Künstler, weswegen er auch keine Bewerbungsmappe brauchte, um zu sehen, ob eine Begabung vorlag. Eine Vorab Qualifizierung gewissermaßen. Bereits im Jahr zuvor hatte er 142 Studenten zugelassen. Außerdem soll er, so die Fama, gesagt haben die Bewerber mit den schlechtesten Mappen seine interessantesten Schüler. [2]

Beuys Schüler und berühmter Künstler. Der 2007 verstorbene Jörg Immenhof, ©Organ Museum

Anatol Herzfeld, Jörgen Immenhoff und Tschibbi Wich

Zum Entsetzen vieler Wissenschaftler und des Wissenschaftsministeriums drohte nun die Kunstakademie von einem Kreis Auserwählter zu einem Ort der Massen zu verkommen. Aber was als kunstakademischer Alptraum erschien, war in deren Augen längst eingetreten. Beuys Schüler und Anhänger nisteten sich überall ein; in Beuys Klassenraum, in seinem Atelier, in leeren, von ihnen okkupierten Klassenräumen oder in den Gängen. Darunter fielen nicht nur später bekannte Künstler wie Anatol Herzfeld und Beuys Meisterschüler Jörg Immenhoff, für die die Kunstakademie ein zweites Zuhause war, sondern auch eine bunte Schar mit von z.T. sonderbaren Typen wie Rüdiger Wich alias Tschibbi Wich. Tschibbi soll den Gang in der Kunstakademie für seine Dauer-Performance genutzt haben und bot manchmal tütenweise Fingernägel und Haare dar.[3] Oder eben auch jene hungernde Bert Annulat, die jedes Mal mit ihrer Tochter Jill zu den Vorlesungen erschien.

Anatol Herzfeld baute das blaue Wunder und paddelte Beuys über den Rhein, ©Siegfried Landau

Wortgefechte im Sekretariat

Für den Wissenschaftsminister und späteren Landesvater Johannes Rau war damit das Ende der Fahnenstange erreicht. Nach der Besetzung des Sekretariats platzte ihm der Kragen.Der eilig entsandte Unterhändler, Ministerialdirigent Eberhard von Medem, assistiert von Professor Kricks und Frau Dr. Sonderkamp aus dem Wissenschaftsministerium, lieferten sich zusammen mit dem Mann im Mantel und dem Schlapphut auf dem Kopf scharfe Wortgefechte. Er (Beuys) solle sich doch an Gesetze halten, erklärte Medem, es sei auch für Studenten eine unglückliche Situation. Beuys konterte mit, welche Situation hier glücklich sei? Der Staat habe in seiner Schul- und Bildungspolitik versagt. Die Kündigung sei ihm egal und er wolle Rau hier haben. Und überhaupt, er werde das Sekretariat notfalls vierzehn Tage nicht erlassen, bis die abgewiesenen Studenten ihre Studienbücher bekämen.[4] Medem drohte, Beuys begäbe sich in einer gefährlichen Situation, erntete aber nur höhnisches Gelächter. Das Dreigestirn zog ab, um sich mit seinem Brotherrn zu beratschlagen.

Johannes Rau verliert die Geduld

Dieser wartete keine vierzehn Tage ab, um aus Beuys einen Märtyrer zu machen. Zusammen mit der Kündigung ließ Johannes Rau nach neunzehn Stunden das Büro räumen (die Presse immer dabei) und Beuys, der es sich mit seinen Studenten bei Bier und Würstchen bequem gemacht hatte, zog mit den Seinen widerstandslos ab.

Beuys bei seinem Vortrag, jeder Mensch sei ein Künstler. 1978, ©Reiner Rappmann

Beuys auf Düsseldorfs Straßen – eine lebende Legende

Natürlich blieb Beuys weiterhin präsent und in aller Munde. Demonstrationen für Beuys wurden organisiert (»Wir wollen unseren Beuys wiederhaben«)[5], Protestmärsche und Sit-Ins waren obligat. Er selbst, ein Künstler zum Anfassen, streunte durch die Straßen Düsseldorfs und fiel mit seinem Hut, Kletterweste und Mantel auf wie ein bunter Hund. Ob in Kneipen, Cafes oder wenn er in seinem Wagen, einem Lincoln Continental durch die Landeshauptstadt fuhr; er blieb stets, der er war: ein freundlicher, in sich ruhender Mann, der sich von allen zu jedem Thema anquatschen ließ.[6]

Lehren ohne Lehrstuhl: Die inoffizielle Beuys-Klasse

Offiziell Unterrichten durfte er zwar nicht mehr. Aber sein Atelier benutzte er weiterhin in der Kunstakademie, da ihm kein Hausverbot erteilt wurde. Für seine Schüler, wenn sie nicht von anderen Lehrern übernommen worden waren, blieb er weiterhin die künstlerische Galionsfigur, die sie auch kostenlos den Stufen vor der Kunstakademie unterrichtete,[7] Wenn er in seinen Performance-Projekten eingespannt war, gab es ja auch Studenten wie Tschibbi, der 1976 zum Klassenleiter von der halb autonomen, durch fristlose Kündigung lehrerlosen Beuys Klasse gewählt wurde.[8]

Ständig Aktionen. Josph Beuys – Protest gegen die El-Salvador-Politik der USA, Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland, ©Hans Lachmann

Die kultige Rheinüberquerung im Einbaum

Ein Jahr, also am 20. Oktober 1973, später ließ er sich, in einem von Anatol Herzfeld geschnitztem Einbaum über den Rhein paddeln. Er selbst saß vorne aufrecht sitzend im Bug des »blauen Wunders«, in meiner Phantasie eine Mischung aus Kleopatra in ihrer Barke und Napoleon, wie er aus seiner Verbannung gen Paris segelte, hinter ihm seine für ihn paddelnden Getreuen. Gleichzeitig saßen Mitglieder des Kanuclubs Jan Wellem, damit überhaupt die realistische Chance bestand, trockenen Fußes ans andere Ufer zu kommen. Vorsorglich hatte die Wasserschutzpolizei das Gebiet abgeriegelt, DLRG und Taucher lauerten in Erwartung eines nautischen Desasters.[9]Zwar glitt der Einbaum nicht in Richtung Schlossturm, sondern trieb ab zur Nordbrücke. Aber Beuys und seine Jungs mussten nicht aus dem Wasser gefischt werden. Die anschließende Party fand im »Ohme Jupp« auf der Ratinger Straße statt. Die symbolische Heimholung war geglückt.

Anatol Herzfeld kreierte Kopf von Joseph Beuys, ©Anatol Herzfeld

Filz, Fett und ein letzter nächtlicher Trost

Die hungernde Studentin Annulat, die auch nachts mit ihrer Tochter im Auto ausharren wollte, war da längst Geschichte, falls es überhaupt jemanden interessiert hatte. Beuys hatte bei ihrer Aktion erklärt, ab und zu nach dem Rechten sehen zu wollen.[10] Vielleicht überredete er sie, die Aktion abzubrechen, nicht aber, ohne ihr vorher eine wärmende Filzdecke und eine Schmalzstulle zu reichen für die kalte Nacht im Auto. Denn diese Dinge haben ihm ja bekanntlich das Leben gerettet. Oder auch nur in seiner Phantasie.


[1]RP vom 11.10.1972

[2]taz.de/Joseph-Beuys-Entmystifizierung/!5173832/

[3]the-duesseldorfer.de/erinnerung-1968-1972-immer-um-den-beuys-herum/ (abgerufen am 8.12.2024)

[4]RP vom 11.10.1972

[5] RP 12.10.1972

[6] http://www.swr.de/swrkultur/kunst-und-ausstellung/hans-peter-riegel-ich-verdanke-beuys-den-unabdingbaren-willen-etwas-zu-bewirken-100.html (abgerufen am 8.12.2024)

[7] Vgl. the-duesseldorfer.de/erinnerung-1968-1972-immer-um-den-beuys-herum/

[8] Vgl. Tschibbi Wich Biographie

[9] Vgl. http://www.bild.de/regional/duesseldorf/duesseldorf/zeitzeuge-anatol-fuhr-beuys-im-einbaum-24275896.bild.html (abgerufen am 8.12.2024)

[10] Vgl. RP 6.11.1972

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