Loriots gemütlich-vermülltes Weihnachten

Weihnachten ohne Gemütlichkeit?! Für die Hoppenstedts, aus Vicco von Bülows (alias Loriot) Feder stammende Vorzeige-Weihnachtsfamilie eine kaum vorstellbare Zumutung! Opa Hoppenstedt (Loriot selbst), Vater Hoppenstedt (Heinz Meier) und Mutter Hoppenstedt (Evelyn Hamann) ziehen alle an einem Strang, wenn es darum geht, ein schönes Weihnachtsfest zu erleben.

Schön geschmückter Baum, wie bei den Hoppenstedts

Dicki Hoppenstedt ist unbeugsam

Wirklich die ganze Familie? Nein. Das unbeugsame Kind des Hauses namens Dicki Hoppenstedt (männlich, weiblich oder divers?), gespielt von Katja Bogdanski, hört nicht auf, mit nonkonformistischem Verhalten der weihnachtlichen Subordination Widerstand zu leisten.

Zicke, Zacke, Hühnerkacke

Der Heilige Abend nimmt nach dem umweltfreundlichen Baumschmücken seinen traditionellen Verlauf. Dicki, mit blonder Prinz Eisenherz-Frisur gesegnet und in Bundfaltenhose, Bluse, Fliege und bunte Weste gepresst, wird genötigt, ein Weihnachtsgedicht aufzusagen. Doch weder Dickis anarchistische Haltung beim Aufsagen (statt Poesie kommt »Zicke, Zacke, Hühnerkacke«) noch Opas misslungener Auftritt als Weihnachtsmann mit anschließendem trotzigem Gebaren (»Ich will jetzt mein Geschenk haben!«) kann die Stimmung trüben. So packt Vater Hoppenstedt klaglos die x-te, in Styropor verpackte Krawatte aus und legt sie zu dem bereits neben ihm liegenden Krawattenstapel. Mutti freut sich über die zu erwartende Überraschung, den »Heinzelmann-Saugblaser«, den ihr vorab ein Staubsaugervertreter als die ultimative Pflege für Teppich UND Haare mit dem Slogan »Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur saugen kann« angepriesen hatte.

Nikolaus in den 50er, ©Hans Lachmann

Schenken als Akt christlicher Nächstenliebe?

Der Plattenspieler als Geschenk an Opa als Ausdruck von Zuneigung? Von wegen! Eigennutz ist angesagt. Ursprünglich dachten die Eltern, dass Opa dann seine Platten in seinem Zimmer hört und die Familie mit seiner Musik verschont. Aber der Schuss geht nach hinten los. Opa zieht den Stecker für die Elektrokerzen des Weihnachtsbaums aus der Steckdose, um dort respektive seinen Stecker für den Plattenspieler anzuschließen. Daraufhin sitzt die Familie für kurze Zeit im Dunkeln, Opa wird als ungemütlich gescholten, bis er den für die Weihnachtskerzen gedachten Stecker wieder an das örtliche Stromnetz anschließt und eine andere Steckdose für seinen Plattenspieler wählt. Endlich darf der Helenenmarsch durch das Wohnzimmer dröhnen und Opa dazu rhythmisch die Faust in die Luft strecken. Aber auch das passt den Eltern nicht und Opa wird, weil besagte Gemütlichkeit eben unbedingt herbeizuschaffen ist, vor den Fernseher gesetzt.   

Opas Weihnachtsgeschenk, ©pexels-anton-h-145707

Dickis Geschenk macht »puff«

Doch kommen wir zurück zu Dicki. Während die Familie die Geschenke auspackt, spielt das Kind selbstversunken mit dem Styropor-Innenleben der Krawattenschachteln. Dabei ergatterte Opa einige Tage zuvor in einem Spielzeuggeschäft für Dicki das Spieleset eines Atomkraftwerks für Jungen und Mädchen im Alter von fünf bis zehn Jahren. Das Kaufargument, dass es auch richtig explodieren, also »puff machen« kann, überzeugte zwar Opa, aber nicht Dicki.

Atomkrafterke halten, was sie versprechen

Nietzsche: Geschenke sind Notdurft

Wenn es stimmt, was Nietzsche sagt, dass Geschenke eine Notdurft seien, bei denen man sich glücklich schätzen soll, dass der Nehmende überhaupt bereit sei, zu nehmen. Doch das Kind legt ein völliges Desinteresse seinen eigenen Geschenken gegenüber an den Tag geschweige denn es packt sie gar aus. Auch ist fraglich, ob sie die Erwachsenen sich an der Kunst des »Gebens« erfreuen. Zwar kümmern sich die Erwachsen um den Aufbau des Atomkraftwerkes, aber jeder der einmal eine Modelleisenbahn zu Weihnachten bekommt hat, weiß, was nun folgt: Bei den Hoppenstedts wird an Heiligabend (wie in vielen anderen Familien auch) der Zusammenbau des Spielzeugs zur männlichen Chefsache erklärt.

Schönes Familienfest mit viel Lametta, ©pexels-anton-h-145707

Spieleaufbau ist Chefsache

Allein auf dem Teppich hockend, baut Vati konzentriert Brennkammer, Neutronenbeschleuniger sowie Sicherheitskuppel zusammen. Dicki allerdings lässt sich zu keinerlei Hilfsdiensten animieren. Stattdessen kehrt das Kind bewusst dem Ganzen den Rücken zu und schmeißt lediglich eine Kugel auf die darum herum drapierten Kühe und Häuser. Erst als die Brennstäbe durchglühen und ein Loch in den Boden brennen, dreht Dicki sich um und schaut erstaunt auf seine Eltern, weil diese sich daran ergötzen, dass das Atomkraft-Spiel tatsächlich explodiert und ein Loch in den Boden brennt.

Der Tag danach, ©pexels

Weihnachtsmüll wird entsorgt 

Trotz ihres Dauerlaufs im weihnachtlichen Hamsterrad spüren die (erwachsenen) Hoppenstedts, dass die angestrebte totale Gemütlichkeit noch nicht erreicht ist. Umso härter müssen sie daran arbeiten. Das durchgebrannte Loch im Boden wird mit Geschenkpapier bedeckt und ist dann »einfach nicht mehr da«. Eine ähnliche Finesse zeigen die Eltern bei der Müllbeseitigung. Doch die Nachbarn finden die Idee, ihren weihnachtlichen Abfall im Hausflur zu entsorgen, gleichfalls super. Nur dass sie schneller handeln. So ergießen sich ihre und Hoppenstedts weihnachtlichen Überreste über Vater und Mutters Köpfe – und die Gemütlichkeit erstickt endgültig in einer Müllhalde.

Wer über Hoppenstedts lacht, lacht über sich selbst

Wer jemals nach dem Fest seinen eigenen Müll in die bereits überquellenden Tonnen wirft und die Berge von durchweichten Kartons gekonnt ignoriert, weiß spätestens dann, dass er keinen Deut besser ist als die Hoppenstedts. Und so passiert der Umkehrschluss: Jetzt lacht der Zuschauer nicht mehr über sie, sondern über sich selbst …

Frohe Weihnachten, ©Willy Pragher
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