Der Füller, mit dem ich das Abitur schrieb, bestand aus einer Iridiumfeder, auf der das Emblem des Herstellers eingraviert war: Senator. Aber heute mag ich nicht mehr gerne damit schreiben. Zu breit, zu klecksend und die daraus entstehende Schrift passt nicht zu der von damals. Vielleicht haben sich auch meine Schreibbewegungen verändert.

Füller als Status- und Herrschaftssymbol?
1992 bestand ich mein Abitur und bereits ein Jahr später bezeichnet der SPIEGEL in einem seiner Hefte den Kolbenfüller als »die Sehnsucht nach Altbewährtem als Reflex auf die Computergesellschaft«. Soso. Mittlerweile sind über 30 Jahre vergangen und der Spruch hätte heute auch kommen, nur in veränderter Form. Psychologisch unterfütterte das Magazin seine Analyse noch mit »die Wiederkehr eines längst geglaubten Status- und Herrschaftssymbols«. Nun ja. Auch wenn ich bis heute gerne mit Füller schreibe, habe ich damit nicht Weltherrschaft erreicht. Noch nicht.

Hanswurst des Gestrigen?
Ab er in gewisser Weise hatte der SPIEGEL von damals schon recht. Wenn Hanswurst mit dem tintenklecksenden Utensil schreibt ist er ein armer Gestriger, der die Digitalisierung noch nicht begriffen hat und lieber trommelt als das Mobiltelefon zu benutzen.
Prominente mit Füller
Nur einem Macher sei es erlaubt, den Füller (das Edelste seiner Zunft) zu zücken und seine Gedankenspielereien auf Papier zu bringen. Schauen wir uns doch die Prominentenriege doch einmal an. Was mir auffällt: Es gibt im Internet kaum welche, die am Schreibtisch sitzen und mit Füller schreiben. Thomas Mann hält einen Bleistift in der Hand, den er brauchte, um an der Seite zu kritzeln oder etwas zu unterstreichen. Ober er mit dem Füller schrieb? Im Netz fand ich ein Forum, wo jemand anhand Thomas Manns Tagebucheinträge auflistete, wann und wo der Nobelpreisträger der Buddenbrooks zur Tinte griff.

Bismarck und sein Federkiel
Bismarck, so ein Foto, hält einen Federkiel in der Hand, was auch bedeutet, dass das Bild vor der Erfindung der Füllfeder aufgenommen wurde (Oder liebte er einfach nur den Federkiel?). 1883 bohrte ein gewisser Lewis Edson Waterman zwischen Feder und Tintenreservoir, die dafür sorgten, dass nur so viel Tinte floss, wie benötigt. Der Austausch von Luft schuf ein Vakuum, um keine größeren Klekse zu vermeiden und das Loch in der Feder sorgte für einen kontinuierlichen Tintenfluss.

Politiker zeigen sich gern beim Unterschreiben
Ansonsten halten Politiker, egal welchen Jahrzehnts, gerne Papiere in der Hand, wenn sie am Schreibtisch sitzen oder sie reden auf ihren Berater ein. Oder die Auguren auf die Politiker. Aber auch die machen sich vor der Kamera keine Notizen. Mitunter gibt es bei sonstigen Besprechungen immer Notizblock und Kuli, aber bei mir kommt der leise Verdacht auf, dass öffentlich Notizen machen zu einem Thema Politikern als Schwäche ausgelegt wird. Politiker haben alles im Kopf, hören ihren Zuarbeitern zu, legen sich fest, unterschreiben, wenn die Zuarbeiter ihre Arbeit getan haben.

Donald Trumps Füller
Der Akt des Unterschreibens wird dagegen bis in alle Ewigkeit festgehalten. Dafür gibt es im Internet etliche Beispiele, die den historischen Augenblick festhalten. Zwei plus Vier Vertrag, Friedensvertrag von Brest-Litowsk, Versailler Vertrag, beurkundet mit dem goldenen Waterman, die Obama Care mit dem allseits favorisierten Mont Blanc etc. Es gibt sogar ein Foto, auf dem der Füller von Donald Trump abgebildet ist. Allerdings gibt es keins, auf dem Trump einen Vertrag/Dokument mit seinem Füller unterzeichnet, falls er überhaupt etwas unterzeichnet hat.

König Charles ist Haptiker, also schrullig
Eine Unterschrift mit Tinte ist also etwas Besonderes und wird dementsprechend zelebriert. Auch wenn König Charles fluchte, weil der Füller nicht funktionierte und Tinte die königlichen Finger bekleckerte. Von ihm ist verbürgt, dass er seine Briefe per Hand schreibt und seinen Freunden kleine Briefchen zukommen lässt. Das britische Oberhaupt ist ein Haptiker, was in dem Zusammenhang als schrullig angesehen wird. Da ich auch ein Haptiker bin, kann ich demnach auch als schrullig gelten. Harry Potter allerdings, der mit Federkiel auf Pergament kritzelt, ist dagegen cool. Vielleicht mögen Charles und ich aber nur das Fließen der Feder über dem Papier (vorzugsweise aus Japan). Beim Zurückblättern der Seiten einem Meer aus Spinne gleichen Zeichen betrachten, die sich bei näherem Hinsehen als eigene Schrift entpuppt, schafft einen Ewigkeitsmoment, der vergleichbar ist mit einer tätowierten Haut.

Justus Jonas Unterschrift auf dem Unterarm
Erster Detektiv-Sprecher Oliver Rohrbeck von Drei Fragezeichen ??? erzählte von einem Fan, der unbedingt ein Autogramm von ihm auf den Unterarm wollte. Kaum hatte Rohrbeck seine Unterschrift auf die Haut gekritzelt, erklärte der Fan, er wolle sich dort so lange nicht mehr waschen, bis er beim Tätowierer war.

Wim van Rossem für Anefo, CC0, via Wikimedia Commons
Schreiben ist Papiertätowierung
Da ich noch niemanden gefunden habe, der meine Unterschrift unter die Haut geritzt haben will, tätowiere ich lieber das Papier.